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Freunde & Zwischenzustände 10

Nur ein einziges Mal versuchte Friedrich, sich von Marion zu trennen. Als er sie an einem ihrer schweigsamen Samstagnachmittage damit konfrontierte, fiel sie aus allen Wolken. Er begriff, dass sie trotz der Missachtung, mit der sie ihn alltäglich strafte, nicht einen Moment an der Gültigkeit ihrer Ehe gezweifelt hatte. Versteinert saß sie auf dem Sofa, kraulte seelenruhig die dicke Katze auf ihrem Schoß und schüttelte fast unmerklich ihren Kopf. Es herrschte absolute Stille. In ihren Augen, die ihn eindringlich fixierten, konnte Friedrich nicht nur die Verletzung erkennen, sondern zum ersten Mal nach vielen Jahren auch tiefe Vertrautheit, in all ihrer Widersprüchlichkeit. Wortlos erinnerte ihr Blick an das lebenslange Versprechen, das keinen Raum für Zweifel ließ. Friedrich schämte sich. Er begriff, dass eine Beziehung nicht nur in Liebe und Eintracht gedeiht, sondern auch Missgunst, ja sogar Hass Menschen aneinander binden kann. Friedrich verließ den Raum und trennte sich nicht von seiner Frau.

Ist die Ehe auch für ihn, den gottlosen Zweifler, von solcher Bedeutung? Oder ist er ein elender Feigling? Wie kann sich ein Leben so falsch anfühlen und durch und durch akzeptierte Realität sein? Ist das die berühmte Absurdität des Lebens, wenn auch nur im kleinen, im kleinen Leben eines kleinen Mannes? Friedrich weiß es nicht, auch jetzt nicht, also trinkt er ratlos den letzten Schluck Likör und schmeißt die leere Flasche achtlos hinter sich auf den Boden. Der einzige Mensch, das weiß Friedrich ganz sicher, den er wirklich liebt, ist Peter.

Friedrich begreift, dass sich durch den Tod seines Freundes an der Unantastbarkeit seines Lebens etwas Grundsätzliches verändert hat. Seine bisherige Realität ist zerstört, liegt vor ihm wie der Scherbenhaufen zu seinen Füßen. Er ahnt, dass ihn nichts länger halten kann. Mit Peters Tod stellt sich sein Leben zur Disposition; er, der fettsüchtige Friedrich, ist ohne Peter nicht mehr derselbe, kann es gar nicht sein. Der alte Friedrich ist tot. Und heißt es nicht: Bis das der Tod euch scheidet? Ist es jetzt soweit? Sind Marion und er seit heute Nacht geschiedene Leute?

Diese leise Ahnung, dass die Möglichkeit einer Freiheit zum Greifen nahe ist, dass er ab jetzt ein anderer Mensch sein kann, ja bereits ist, beflügelt Friedrich. Er steht auf und tänzelt durch die Küche. Die Scherben schneiden ihm in den Fuß, ohne dass er es beachtet; der Schmerz lässt ihn das Leben fühlen. Jetzt bin ich frei, schreit er, immer wieder, lacht übermütig, Peter ist tot und ich bin frei, trällert er freudig vor sich hin, dreht sich im Kreis und lacht wie ein kleines Kind, das sich über ein unerwartetes Geschenk freut, während die dicke, alte Katze, die wieder auf dem Tisch sitzt, beim Fressen der Essensreste verstört innehält und ihn anglotzt, als habe er endgültig den Verstand verloren. Friedrich glotzt zurück.

Er greift das fette Tier am Nacken, das sich mit aller Gewalt zu befreien sucht, als ahne es, das seine letzte Stunde geschlagen hat, hält es mit der Schnauze ins Spülbecken und lässt Wasser einlaufen. Während die zappelnde Katze langsam ihre Kräfte verliert und schließlich jämmerlich im Spülwasser ersäuft, sieht Friedrich glücklich und voller Zuversicht aus dem Küchenfenster, im Hintergrund das Leben verheißende Wasser beruhigend dahin plätschernd, und betrachtet den wunderschönen Sonnenaufgang am fernen Horizont, über den mit Bodennebel bedeckten Feldern.


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leere Lehren – Leere lehren

(aus: Programmheft zu horror vacui)

Hinter dem Begriff horror vacui verbirgt sich die Angst der Menschen vor der Leere. Im übertragenen Sinn beschreibt horror vacui auch die Furcht vor der Dunkelheit, dem Unkontrollierbaren, der Stille, dem eigenen Abgrund. Die Leere ist hier bloß ein Synonym für die Sinnlosigkeit. Denn die Angst vor der Leere ist unweigerlich mit der Frage nach dem Sinn des Lebens verbunden. Genau hier, an der Schnittstelle zwischen der heimlichen Ahnung, auf diese Frage keine Antwort zu erhalten und der ungebrochenen Hoffung, doch noch eine Lösung für dieses ewige Rätsel menschlichen Seins zu finden, hat die Angst vor der Leere ihren Ursprung. Sie ist diese unangenehme und durchaus berechtigte Befürchtung, das hinter all dem Tohuwabohu, das wir Menschen tagein tagaus betreiben, nichts weiter existiert als eben ein riesiges, aufgeblasenes Nichts. Oh, welch schrecklich schöner Gedanke.

Nun, die Frage nach dem Sinn des Lebens ist so alt wie die Geschichte menschlicher Kultur. Das Streben danach, das eigene Dasein zu ergründen und zu erklären, ist ein ur-menschliches Phänomen wie auch die Tatsache, einer Antwort bis zum heutigen Tag nicht einen Schritt näher gekommen zu sein; ja, es hat vielmehr den Anschein, als sei es genau umgekehrt. Der eine mag das Leben darwinistisch betrachten und den menschlichen Sinn im Überleben der Spezies und in der Fortpflanzung erkennen, ein anderer mag sich als Ebenbild Gottes und irdischer Verwalter göttlicher Schöpfung verstehen und wieder ein anderer mag das Dasein schlicht für einen lustigen Zufall des unergründlichen Universums halten, das nicht viel mehr Sinn mit sich bringt, als ein bisschen Spaß zu haben. Eines jedenfalls ist augenscheinlich: Je weiter die Menschheit fortschreiten, je mehr Wissen sie anhäuft, über je mehr Informationen sie verfügt und je mehr Möglichkeiten sie wieder verwirft, desto dringlicher der Gedanke, einfach keine Antwort finden zu können. Doch ganz offensichtlich hat der Mensch so große Angst davor, einfach zu existieren, einfach so zu sein, und darin sinnlos und völlig beliebig zu sein, dass er in allergrößter Erklärungsnot schlussendlich die Sinnlosigkeit selbst zum Sinn erklärt hat. Doch es dünkt ihm bereits, dass es ihm auch mit diesem Paradoxon nicht gelingen wird, seine Angst vor der eigenen Leere endgültig zu überwinden. Denn obwohl die Sinnlosigkeit mit hoher Wahrscheinlichkeit existiert, ist sie noch lange nicht sinnhaft.

Apropos Sinnlosigkeit: Schon seit Jahren ist im deutschen Feuilleton das selbstherrliche Wehklagen der Kritik nicht mehr zu überhören, der künstlerische Nachwuchs betreibe bloß narzisstische Nabelschau und verweigere sich konsequent der Suche nach gesellschaftlich relevanten und insbesondere kritischen Ansätzen. Ja, er genüge sich in seiner jämmerlichen Visionslosigkeit gar im Kopieren avantgardistischer Formen früherer Zeiten, reduziere diese auf ihre reine Äußerlichkeit und stelle sie so in fantasmagorischer Leere zur Schau, anstatt neue und vor allem eigene Ausdrucksformen zu finden. Und darin steht diese oberflächliche, im besten Fall introspektive Kunst exemplarisch für eine ganze Generation, das versteht sich natürlich von selbst, die sich, hört hört, ganz und gar ihrem konturlosen, sinnentleerten und durch und durch hedonistischen Pragmatismus ergibt. Herjemine. Wie konnte es nur soweit kommen? An neuen Inhalten und Reibungsflächen mag es doch weiß Gott nicht fehlen in diesen aufreibenden Zeiten!

Vordergründig nicht unberechtigt, ist es doch die Kritik einer Generation, die ihre eigene Lebensleistung längst zur Legende verklärt, ja zum Maßstab aller Dinge erhoben hat. Und so ist es bloß ein sattes, mächtiges und mächtig selbstgerechtes Grunzen, denn ja, es ist allzu simpel. In jungen Jahren die Individualität als neue Freiheit postulieren und sich im Alter hämisch über die Selbstbezüglichkeit der nachfolgenden Generation echauffieren, jaja, das hat man gern. Diese altbackene Bedeutungsschwere ist schon seit langem verdächtig, aber auch die zur Schau gestellte Sinnlosigkeit der 90er hat sich selbst ad absurdum geführt; und doch, man sehnt sich beides irgendwie zurück. Alles ist Recht, nur bitte nicht diese unerträgliche Ambivalenz, die sich nur um sich selbst dreht. Und seien wir einmal ehrlich: Einer verkrusteten Ordung den Spiegel des Unkonventionellen und des Chaos vorzuhalten (oder dem zwanghaft Sinnstiftenden keck die Leichtigkeit der Sinnlosigkeit) mag mutig sein, clever und durchaus ambitioniert, doch sicher nicht allzu anspruchsvoll; und weitsichtig noch viel weniger. Genau genommen bedient es dieselbe Logik, die es aufzubrechen vorgibt. Dagegen geht immer. Nichts ist einfacher als das bipolare Gegenspiel des Aufbegehrens und der Provokation. Heute gähnt man gelangweilt darüber und erklärt es doch zum Maßstab. Die einzige Voraussetzung dafür ist allerdings, dass es eine Ordnung gibt, der man sich überhaupt widersetzen kann. Aber was ist, wenn diese Ordnung ihre Bipolarität längst hinter sich gelassen hat? Wenn eh schon alles möglich ist? Und was ist wenn, ja was, wenn dann das aber auch, dann sowieso und überhaupt, dann wiederum hilft nichts, nein alles, oder einfach einfacher statt verschachtelter, doch wehe dem der sowieso, aber das kann und will, ja was, egal oder leer und…

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Szene 4: Freundschaft

(aus: horror vacui – 12 Bilder über die Gewalt und das Nichts)

Plötzlich grelles Gegenlicht. Das Publikum ist geblendet, kann nichts erkennen, nur vage Silhouetten. Zwei junge Männer necken und schubsen sich, sie rennen sich hinterher, lachen, brüllen, keuchen. Sie tragen weiße Unterhosen. Das Bild spielt mit den Grenzen zwischen Bedürfnis nach Freundschaft, Nähe, Zärtlichkeit und Anerkennung, klassisch-männlicher Rivalität und unterschwelliger Sexualität. Es entwickelt sich eine Kampfszene. Abgesehen von Kampfgeräuschen herrscht absolute Stille.

Plötzlich völlige Dunkelheit. Minutenlang einfach Stille. Aus der Dunkelheit entwickelt sich folgender Dialog. Sehr ruhig, bedächtig, fast zögerlich. Einzige Lichtquellen sind Streichhölzer, die der jeweils Sprechende jedes Mal vor seinem Gesicht entzündet. Ihre Gesichtszüge sind nur schemenhaft zu erkennen. Ist das Streichholz abgebrannt, hören sie auf zu sprechen. Brennt das Streichholz länger als gewollt, entsteht Verlegenheit, hilflose Sprachlosigkeit.

Bist du noch da?

Bist du noch da? Hey, hörst du mir überhaupt zu?

Ja.

Was denkst du? Ok, ok, ich weiß, diese Frage soll man nicht stellen, ich weiß ja, aber das gilt doch nur für Mädchen nach dem Sex, oder? () Dummer Spruch, tut mir Leid ja, tut mir Leid, aber also, was denkst du?

Wie meinst du das?

Ich weiß nicht. Wie soll ich das erklären? Nicht, dass du mich falsch verstehst. Ich meine, ist ja auch komisch, das einfach so zu sagen. Ich will sagen, dass … naja …

… Ja?

Ich … naja … ich bin gerne mit dir zusammen. … ähm … ich mag dich.

Was ist los? Warum sagst du nichts mehr? Habe ich etwas Falsches gesagt? Du machst mich ganz unsicher. Sag doch etwas … irgendwas … ach, ich weiß auch nicht.

Was soll ich dazu sagen? Dass du mein Freund bist? Aber das weißt du doch. Du kannst es spüren, hier, jetzt, für immer jetzt. Reicht dir das etwa nicht?

Ja klar, ich kann es spüren. Natürlich. Ich bin ja nicht blöd, oder? Ich wollte einfach nur sagen, was ich empfinde. Ich dachte, du freust dich vielleicht darüber. Ich wusste ja nicht, dass du…

Ach, was ist schon Freundschaft? Ein kurzer Moment, für die Ewigkeit, ja, das schon, aber sicher keine Ewigkeit. Die meisten Freundschaften zerbrechen an ganz profanen Dingen, die wenigen lebenslangen Freundschaften erschöpfen sich in der rituellen Wiederholung des Immergleichen. Willst du das? Ist es das, wonach du suchst?

… Nein, ich mein’ natürlich nicht. Aber … also … lass mich es doch einfach sagen: Du bist mein Freund! Hier, jetzt, ja, für immer jetzt. Das ist alles. Das genügt mir. Aber ich will es nur sagen dürfen.

… Aha.

Aha? Wie meinst du das? Ich wollte dir nicht zu nahe treten. Ich wollte nur …

Ich, ich, ich … genau das meine ich. Warum? Was ist der Sinn außer dir selbst?

Was ist los? Bist du jetzt beleidigt?

Nein, ja, ich weiß nicht. Ich … ich wollte es einfach nur festhalten, indem ich es ausspreche. Ich wollte es dadurch wahrhaftig machen.

Du tust das genaue Gegenteil. Du kannst nicht in Worte fassen, was du empfindest. Dadurch wird es nicht wahrhaftiger. Du machst einfach alles kaputt.

Wieso kaputt? Wenn ich es nicht sage, ist es nichts. Einfach nichts. Dann existiert es einfach nicht. Dann ist es bald, als wäre nie etwas gewesen. Dann gehen wir auseinander, vergessen einander und diesen schönen Moment zwischen uns. Real wird er doch erst, indem ich ihn fixiere. Wie auf einem Foto. Sonst ist er nichts wert. Sonst gibt es keinen Beleg.

Worte können nichts belegen. Etwas zu benennen heißt, es in seine Schranken zu weisen. Einmal ausgesprochen sind es nur noch Lügen. Wenn du schweigen würdest, würden wir einfach nur fühlen, diese Wahrheit zwischen uns, ja, wir würden sie einfach nur fühlen. Und denken. Mehr nicht.

Ist das alles? Und das reicht?

Nein, das reicht nicht, natürlich nicht, aber das ist alles. Es gibt keine andere Möglichkeit. … Jetzt ist es eh zu spät.


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Immer will ich den Glauben an das Gute der Menschen nicht verlieren, will immer vorschnell verzeihen, und koste es am Ende mein eigenes Wohlbefinden. Ich kann mich nicht wehren und weiche jedem Konflikt aus. Ich bin ein zart besaitetes Wesen, das sich ausbeuten lässt, wenn man es nur will, ein feiges Wesen also, das Gegenteil eines Kämpfers, hilflos und darin erbärmlich, immer angewiesen auf das Gutgemeinte anderer. Ich bin ein Wesen, das in emotionalen Dingen nicht auf sich aufpassen kann, sich nur durch Distanz, Isolation und künstliche Maskerade zu schützen weiß, die ich nur selten restlos beiseite legen kann. Ich bin wohl nicht für diese Welt geschaffen und baue mir einfach meine eigenen kleinen Welten. (Und doch: Ich maskiere mich nicht, ich bin schlicht Maskerade und darin so sehr Kind meiner Zeit; ach ja, diese Welt ist bloß die meine). Und jedem schlecht gesinnten Eindringling bin ich schutzlos ausgeliefert, weil ich ihn nicht als Eindringling erkenne, sondern eher noch an mir selbst zweifle.

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Freunde & Zwischenzustände 9

Langsam erwacht der Vorplatz zum Leben. Immer mehr Menschen eilen aus den U-Bahn-Schächten in den Bahnhof, auf dem Weg zur Arbeit, zum Shoppen oder zu einem morgendlichen Alsterspaziergang mit Hund. In erstaunlicher Regelmäßigkeit flanieren blau gekleidete Polizisten in Kleingruppen umher, armselige Zigeuner machen sich mit ihren Akkordeons auf den Weg in die noblen Hamburger Einkaufsstraßen, um die kühlen, hanseatischen Herzen mit schlechter Performance zu erwärmen, eine Gruppe Pfadfinder sammelt sich am Meeting-Point, und am Rande des Geschehens sitzt, auf einem Mäuerchen am hinteren Ende des Parkplatzes, ein junges Hippie-Pärchen und raucht den stinkenden Jointstummel zu Ende, den es gestern Abend nach dem Ficken wahrscheinlich nicht mehr geschafft hat. Der schlaksige Kerl, mit fettigen langen Haaren, trotz der Kälte barfuß, macht sich auf den Weg, eine Mitfahrgelegenheit zu schnorren. Als er mich fragt, verneine ich trotz der Tatsache, dass auf meinem Ticket noch vier weitere Personen mitfahren können, denn ich habe keine Lust, mich ihrer muffigen Anwesenheit und einem weiteren, belanglosen Smalltalk auszusetzen.

Da ich keine andere Möglichkeit gefunden habe, setze ich mich auf meine Reisetasche und rauche vorsorglich gleich mehrere Zigaretten hintereinander; schließlich gibt es im Nahverkehr keine Raucherabteile mehr. Mir wird schlecht. Nach all den Jahren der Einsamkeit hatte ich völlig vergessen, wie sich das Leben am Hauptbahnhof einer deutschen Metropole anfühlt. Ich bestaune das chaotische Treiben, das doch einer bestimmten Ordnung zu folgen scheint. Menschen irren, blass und missmutig, ihrer jeweiligen Bestimmung entgegen und missachten ihre Umwelt. Trotz der vielen Menschen ist es sehr still, selbst der Kauf eines Boulevardblatts bedarf nur weniger, unwirsch hingeworfener Worte. Ich schließe meine Augen. Es herrscht eine erschreckende, geradezu gespenstische Ruhe, nur ein unendliches Rauschen. Meeresrauschen. Der einzige Unterschied besteht darin, dass das schwelende Geräusch im Hintergrund nicht durch die Brandung, sondern den Verkehrslärm verursacht wird; genau genommen unterscheiden sich beide Geräusche kaum voneinander. Es gibt wohl nicht viele Orte auf dieser Welt, an denen man in einer großen Stadt mit geschlossenen Augen an einem Hauptbahnhof inmitten von Menschentrubel sitzen und dennoch das Gefühl haben kann, alleine zu sein.

Habe ich nicht selbst gesagt, dass es nichts gibt, über das man sich mit seinen Mitmenschen noch auseinandersetzen müsste? Sind nicht alle wesentlichen Dinge auch schweigend zu erreichen, Geld sagt mehr als tausend Worte, und sind wir Menschen nicht eigentlich so simpel gestrickt, so durchschaubar, dass jede weitere Konversation hinfällig ist? Eine Handvoll äußerlicher Merkmale reichen aus, um mehr über einen Menschen zu erfahren, als mir lieb sein kann. Alles weitere ist nebensächlich, Zierde, Maskerade, vermeintliche Individualität. Die alberne Floskel Du kennst mich doch gar nicht ist Ausdruck der allzu menschlichen Hoffnung, durch ein persönliches Schicksal in seiner Einzigartigkeit unkenntlich und dadurch beschützt zu sein. Doch das ist absolut lächerlich. Niemand ist einzigartig. Individualität wird völlig überschätzt. Mag die genaue Zusammenstellung aller persönlichen Merkmale noch so individuell anmuten, zerfällt bei genauer Betrachtung diese Einzigartigkeit in seine verschiedenen Bestandteile, in denen sich jeder Mensch erschreckend ähnlich ist.

Das Schweigen jedenfalls ist unüberhörbar. Der ein oder andere Pessimist mag darin die schreckliche Vereinsamung der Menschen vermuten, ein Optimist möglicherweise die altbekannte Ruhe vor dem Sturm, auf den zu warten die meisten Menschen längst überdrüssig geworden sind. Doch ist es nicht viel einfacher? Kennen wir uns nicht schon viel zu gut? Ist nicht einfach alles bereits gesagt?


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Was weiß ich…?!

Sein kleines Glück muss ein jeder sich erlitten haben; das sagt sich so schön, so einfach dahin, und oft, so hat es den Anschein, bewahrheitet es sich wohl auch. Doch ob es recht ist, so zu sprechen, weiß ich heute nicht.

Sitze in der Hochbahn, fahre durch das trübe Köln im November und betrachte die Menschen, die in Gedanken versunken vor sich hin glotzen; müde sehen sie aus, traurig und abgekämpft. Knöpfe im Ohr übertönen das Rauschen des Regens, digitales Flüstern, flink und beiläufig, schenkt die beruhigende Illusion, nicht allein zu sein; schwere Taschen auf müden Beinen, an deren Schnallen nervöse Hände nesteln.

Wie oft schon habe ich all diese Unbekannten für ihre Sprachlosigkeit verachtet? Wie oft habe ich ihnen ihre eigene Lebenslast selber angekreidet, sie ihrer kollektiven Apathie, ihrer widerstandslos ergebenen Anonymität wegen für schuldig erklärt? Doch was nur gab mir hierzu das Recht? War es der jugendliche Leichtsinn, die unbekümmerte Arroganz eines naiven Glückskinds? Was weiß ich…?!


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Kontroversen eines Unpolitischen

3. Dummköpfe, Klugscheißer, historische Ereignisse und die Logik der daily soap

Der Reiz der daily soap liegt in der stets unterschwelligen Berechenbarkeit ihrer kommender Ereignisse. Der Betrachter ahnt das Geschehen lange im Voraus; ein gezielter Blick, eine noch unschlüssige Geste, ein noch sinnfreier Dialog verführt ihn zu der Annahme, Wissender zu sein, Erkennender, Teil eines großen Ganzen, Anteilnehmer an der inneren Logik des allzu Profanen, dass dadurch für ihn an individueller Bedeutung gewinnt. Wenn sich schlussendlich haargenau alles so ereignet wie zuvor erahnt, also immer, dann tut es dies mit der großen Geste der Überraschung, der inszenierten Unberechenbarkeit, und der Betrachter, wer hätt’s gedacht, fühlt sich bestätigt und darum besonders clever. Es ist, nun gut, ein alter Trick, auf den reinzufallen Klugscheißer grundsätzlich belächeln, und im Zweifel höchstens adoleszenten Halbstarken, gelangweilten Hausfrauen und potenziellen Reality-TV-Teilnehmern zugestehen, kurz: Dummköpfen, denn, ach ja und herjemine, sie wissens halt nicht besser.

Nun unterscheidet sich der Klugscheißer vom Dummkopf darin, dass er vorgibt, clever, aufgeklärt, gebildet und durchaus weitsichtig zu sein. Der alte Trick der Serie ist ihm ein Graus. Der Klugscheißer guckt nach der Arbeit keine Fernsehserien, sondern liest derweil die geliebte Tageszeitung. Doch, es zeigt sich alsbald, der Klugscheißer und der Dummkopf sind vom Wesen her ähnlich, bloß, sagen wir, auf einem anderen Niveau, so wie sich der hinterwäldlerische Bauerntölpel vom urbanen Großstädter zwar habituell unterscheidet, jedoch nicht darin, schlicht Mensch zu sein; im Kern sind sie gleich. Der Klugscheißer ist also bloß ein Dummkopf, der keiner sein will, auf Teufel komm raus.

Sogenannte historische Ereignisse zeichnen sich, im Gegensatz zu einer Vorabendserie, durch ihre Einmaligkeit aus, und nicht zuletzt, so sollte man meinen, durch ihre Unberechenbarkeit. Historische Ereignisse und daily soaps sind grundverschieden, sie haben nichts, aber auch gar nichts gemein. Des weiteren sollte man annehmen, historische Ereignisse unterscheideten sich von der daily soap vor allem darin, das sie real sind, also kein geistiger Dünnschiß drittklassiger Drehbuchschreiber, sondern durch und durch harte Realitäten. Doch in modernen, in post-postmodernen Zeiten, in denen auch die Realität fiktiv ist, in denen sich beispielsweise die Bedeutung von Superman und dem amerikanischen Präsidenten nur noch bedingt unterscheiden lässt (existieren sie für die Allermeisten doch bloß auf einer Mattscheibe und ähneln sich darin bis zur Unkenntlichkeit), in denen derlei also nur noch eine Frage althergebrachter Logik ist, in denen man sich ebenso wenig darüber wundern würde, wäre ein Krieg bloß erfunden oder ein Comic-Held Wirklichkeit, spielt die Unterscheidung zwischen Realität und Fiktion eine nebensächliche Rolle. Es ist eine Unterscheidung ohne Belang. Auch die Realität ist hier bloß ein Bild, eine Fiktion, Material für die abertausenden, und erstklassigen versteht sich, Drehbuchschreiber der Klugscheißerfraktion.

Aus aktuellem Anlass konnte jeder erkennen, dass sich das zeitgemäße historische Ereignis längst der Logik der daily soap bedient, dass es im Kern, und nicht bloß im Kern, der gleichen Logik folgt. Über viele Monate hinweg wird der Klugscheißer durch stete unterschwellige Andeutungen zu der Annahme verführt, ein historisches Ereignis stehe kurz bevor, und er fühlt sich, dem Dummkopf gleich, in seiner Ahnung schlussendlich bestätigt und bildet sich ein, wenn sich das ach so historische Ereignis als überraschende Wendung der Geschichte generiert, ein Teil dieses großen Ganzen zu sein. Und doch, es ist der gleiche dumme Trick, eben bloß auf einem anderen Niveau. Und dieser hat, nicht ganz unwesentlich und hier nur am Rande bemerkt, denselben praktischen Nebeneffekt: während der Dummkopf weiterhin tagtäglich die Serie guckt, liest der Klugscheißer halt die Tageszeitung.

Wäre der Klugscheißer in jedweder Hinsicht dem Dummkopf gleich, es spielte all dies gar keine Rolle, die Distinktion wäre, nun, schlicht sinnlos; einem jeden Idioten seine eigenen Realitäten sozusagen. Doch bleibt schlussendlich dem Klugscheißer seine heimliche Ahnung nicht verborgen, soeben jenem blöden Trick auf den Leim gegangen zu sein, den er in anderen Zusammenhängen doch schon längst erkannt hatte. So durchschaubar die Wendungen der Serie, ebenso durchschaubar schlussendlich das historische Ereignis. Auch hier: Jedes Wort, jede Meinung, jede Wendung kommt dem Klugscheißer vor, als kenne er sie, als habe er selbst sie bereits gedacht. Und so ist das historische Ereignis schlussendlich nicht mehr von der daily soap zu unterscheiden. Und auch hier bleibt der fade Beigeschmack der Belanglosigkeit; ganz nett halt.

Gestern also habe ich endgültig meine Tageszeitung gekündigt.


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Adrians Leichenschmaus / Szene 1

Ein älterer Mann sitzt, von Dunkelheit umgeben, auf einem Schemel und weint. Minutenlang. Die energischen, klackernden Schritte einer Frau sind zu hören. Sie betritt die Bühne und betrachtet ihn streng, herablassend. Langes Schweigen.

Hör endlich auf zu weinen! … Verdammt noch mal, reiß dich endlich zusammen! Ich kann es nicht ertragen, wenn du weinst. Das hat doch keinen Sinn. Glaubst du ernsthaft, das macht die Sache besser? Das du nach all den Jahren der Bitterkeit noch dazu fähig bist, ihm auch nur eine Träne nachzuweinen. Ich will es einfach nicht begreifen.

Was bist du nur für eine Frau? Was immer auch geschehen ist, spielt nun keine Rolle mehr. Immerhin ist er doch…

Nichts ist er! Gar nichts!

Sie stolziert wütend umher, macht in der Dunkelheit mehrere Lampen an. Ansatzweise ist ein hippiesk-bildungsbürgerliches Wohnzimmer zu erkennen. Sie setzt sich auf das Sofa und verschränkt die Arme. Er weint. Schweigen.

Wie kannst du das nur sagen?

Hör endlich auf zu flennen, verdammt! … Acht Jahre ist es nun her. Acht lange Jahre, seit du ihn hinausgeworfen hast. Und ich möchte dich daran erinnern, dass du, und nur du ihn aus unserer Familie verbannt hast. Geh, hast du gebrüllt, geh und kehr nie wieder zurück! Es war mir damals, als wäre es das einzige Mal gewesen, dass du authentisch warst. Du erinnerst dich doch, nicht wahr? Und nun sitzt du wie ein Tölpel im Dunkeln und weinst, als wäre nichts geschehen. Schämen solltest du dich!

Er war doch noch ein Kind. Was man nicht alles sagt in der Not, in väterlicher Verzweiflung.

In väterlicher Verzweiflung, das ich nicht lache, diesen lächerlichen Pathos des sensiblen Patriarchen konnte ich schon vor dreißig Jahren nicht ertragen. Verschone mich mit deiner Verlogenheit. Vaterschaft impliziert Schuld. Begreif das doch. Sei endlich ein Mann! Steh zu dem, was du getan hast. Nur ein einziges Mal.

War es nicht genau das, was du immer wolltest? Einen Mann, der seine Gefühle zeigt. Wie kannst du jetzt nur so grausam sein?

Ich bin nicht grausam, es ist meine Ehrlichkeit, die du nicht erträgst, die du noch nie ertragen konntest. Du musst wissen, authentisch heißt nicht rückratlos. Doch ich weiß, mein Liebster, die Wahrheit, ja, sie kann schmerzhaft sein.

Halt den Mund. Ich ertrage sie nicht, die verlogene Wahrheit meiner hartherzigen Frau. Wie kannst du es wagen, mir die Schuld zu geben? Denn wahr ist auch, dass ich nur so gehandelt habe, weil du es nicht anders erwartet hast. Halt also endlich dein Maul!

Aber…

Begreifst du nicht? Willst du einfach nicht verstehen? Er wird sterben. Dein Sohn wird sterben.

Mein Sohn ist schon lange tot.

Wie kannst du so etwas nur sagen?

Ach, was weißt du schon! – Nichts weißt du. Gar nichts. Immerzu lässt du dich von deinen Gefühlen beherrschen. Heute so, morgen das Gegenteil. Du magst aussehen wie ein alter, weiser Mann, doch eigentlich bist du ein dummer Junge; ein armer Tropf. Wärst du doch nur ein bisschen wie dein eigener Vater geraten. Einfältig, nun gut, doch gradlinig und beständig. Es soll mich längst nicht mehr wundern, dass er dich sein Leben lang verachtete. Wie auch ich dich dafür verachte.

Ich meine…

Ich. Ich. Ich. Mein Gott, hör dich reden. Deine ach so kleine Gefühlswelt ist nicht der Maßstab aller Dinge, verdammt. Diese Zeiten sind vorbei. 

Hör mir doch zu. Vielleicht hast du Recht…

Oh, wie ungewohnt einsichtig du bist, mein Liebster.

… doch eines weiß ich nach all den Jahren ganz gewiss: Wir haben einen großen Fehler begangen. Ich weiß, wir werden ihn nicht wieder gutmachen können, die Zeit lässt sich nicht zurückdrehen, aber wir können um Verzeihung bitten. Wir müssen es sogar.

Ich muss niemanden um Verzeihung bitten.

Was ist schon dabei? Gab es nicht einmal Zeiten, in denen wir diese ganze miefige, bürgerliche Moral zutiefst verachteten? Hast du all das vergessen? Sind wir selbst zu den Moralaposteln geworden, die wir niemals sein wollten?

Das ist etwas anderes. Das hat nichts mit bürgerlicher Moral zu tun. Absolut gar nichts. Es gibt Dinge, die dürfen nicht sein.

Aber…

Hör auf. Hör endlich auf! Du selbst warst es doch, der immer gezweifelt hat. Du, nur du! Du hast dich bei mir immer über seine mangelnde Selbstständigkeit beschwert, wenn er Aufmerksamkeit brauchte. Zuhause durfte er ganz selbstverständlich in rosa Kleidchen herumlaufen, aber bitte nicht, wenn deine Eltern zu Besuch kamen. Da hörte der Spaß der Freiheit auf. Als er sich sinnlos die Nächte um die Ohren schlug, war er für dich unerträglich hedonistisch, und verzeih, wenn ich ehrlich bin, doch Hedonismus und Prinzipienlosigkeit liegen nicht weit auseinander. Sein maßloser Drogenkonsum war für dich Ausdruck mangelnder Selbstbeherrschung, und als er zu guter Letzt auch noch schwul wurde, oh mein Gott, das war wohl das Schlimmste für dich. Widernatürlich, nicht wahr? Misslungen. Entartet. Und vor allem irgendwie so, nun ja, so pseudo-kultiviert-dümmlich-pervers-degenriert. Bestand deine väterliche Freiheit nicht stets darin, sich ein jedes Urteil erlauben zu dürfen, und mag es noch so emotional sein? Ist deine ewige Psychologie am Ende nicht ein billiger Ersatz für deine mangelnde moralische Autorität? Und ich soll der böse Moralapostel sein? Das ist doch lächerlich.

Halt den Mund. Du übertreibst. Maßlos.

Ich übertreibe nicht. Ich erinnere mich ganz genau, was du immer gesagt hast: Autorität ist das Übel eines jeden Menschen. Nur in Freiheit, nein, nur in absoluter Freiheit gedeihen glückliche und gesunde Kinder.

Ja, du hast Recht, das habe ich wirklich geglaubt. [siehe hierzu Kommentar]

Oh ja, das hast du wohl. Doch das waren alles Lügen. Er hat dich eines Besseren belehrt, nicht wahr? Trotz seiner Freiheit ein Versager geworden. Mehr noch: ein Perverser. Zu guter Letzt hat er uns alle eines Besseren belehrt. Selbst in Freiheit dürfen bestimmte Dinge nicht sein! Und deine Verbitterung darüber hast du ihn immer spüren lassen. Du hast nie einen Hehl aus deiner Enttäuschung gemacht.

Er war mir so fremd. Doch wenn es so war, dann habe ich ihm Unrecht getan. Das weiß ich heute.

Hört, hört, man ist geläutert. Wie rührend. Doch es ist zu spät. Es ist viel zu spät und weil du das nur allzu gut weißt, ist deine späte Reue verlogen.

Es ist noch nicht zu spät. Ich bin mir sicher,…

Ich. Ich. Ich. Natürlich, das Einzige, was du dir davon versprichst, ist dein eigenes Seelenheil. Deine Motivation ist so egoistisch wie simpel und durchschaubar. Doch verschone mich, es steht mir nicht der Sinn danach, mich für deinen kleinen Frieden von dir instrumentalisieren zu lassen. Verdammt, mach dich nicht lächerlich und trage deine Schuld in Würde.

Vielleicht hast du Recht. Doch eine falsche Motivation macht noch längst nicht das Anliegen grundsätzlich falsch.

Nein, natürlich nicht.

Ach, lass deine unsägliche Ironie beiseite.

(lacht)

Ich kann dich einfach nicht verstehen. Stehst hier, dein eigener Sohn liegt im Sterben, ein letztes Mal will er dich sehen, und dir fällt nichts weiter ein, als weiter über ihn zu schimpfen. Du bist eine kluge Frau, alles, was du sagst, mag richtig sein, doch warum willst du nach acht Jahren weder vergeben noch bereuen? Was ist der Grund für deine Härte? Was verbirgst du nur? Ich verstehe das nicht. Sag mir, hat nicht vor allem unser Sohn seinen Seelenfrieden verdient? Können wir es ihm diesen wirklich verweigern?

Mein Gott, sei nicht so fatalistisch. Ich wusste gar nicht, dass du seit Neustem an ein Jenseits glaubst, im dem ihn so etwas noch interessieren könnte?

Verdammt! Halt endlich dein dummes Maul!

Sie erstarrt. Er dreht sich fort, lässt sie allein hinter sich zurück.

Du kannst mir glauben, wir beide werden morgen zusammen zu ihm fahren und ihm jene letzte Ehre erweisen, um die er uns gebeten hat. Und ich schwöre dir, meine Liebe, du wirst mitkommen, und wenn du nur schweigend und innerlich kochend vor Wut ertragen musst, wie ich meinem Sohn verzeihen werde.

Langes Schweigen. Er setzt sich auf seinen Schemel. Nach einer gewissen Zeit beginnt er wieder still zu weinen. Sie steht konsterniert auf, steht einfach nur so da, dann geht sie durch den Raum zu einem Plattenspieler und legt eine Platte auf. Sie beginnt hinter ihm zu tanzen, ohne dass er sie beachtet, erst zaghaft, dann immer intensiver. Sie tanzt ihre Schuld. Die Schuld, die sie nicht auszusprechen vermag. .


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Kontroversen eines Unpolitischen

2. große Worte eins

Worte, wunderschön und mächtig, stehen im Raum, schwerfällig durchaus, aber heute, mehr denn je, von enormer Strahlkraft. Ich sage schlicht: große Worte. Eines dieser wunderschönen Worte ist genau genommen eine Zahl. 68. Achtundsechzig. Wäre sie nicht so vorbelastet, ich würd glatt meinen, die Zahl 68 sei eine recht schöne. Nun, bei allen Gedanken über gesellschaftliche Veränderung, über Emanzipation und Revolution, oder einfach: über politische Zeiten, ist achtundsechzig das erste Wort in meinem Kopf, oder soll ich sagen Bild?, irrsinnig flackernd, die verwitterte Leuchtreklame einer zwielichtigen Kaschemme. 68. Achtundsechzig. ACHTUNDSECHZIG. Wow.

Das zweite wunderschöne Wort, das mich hier und heute interessiert, ist Neoliberalismus, es strahlt nicht weniger, nicht weniger zwielichtig, weißgott nicht, doch souveräner irgendwie, seriöser, zeitgemäß statt alter Neonröhren die flinke Digitalanzeige an Glasfassaden mächtiger Bürogebäude. Auch wow. Und auch hier gilt: Wer über gesellschaftliche Veränderungen spricht, kommt am Wort Neoliberalismus nicht vorbei. Das schmerzt nicht wenige tief in der Seele, das will so manch einer nicht mit seinem Weltbild vereinbaren, wird schon nach dem ersten Absatz das Allerschlimmste befürchten; möglicherweise zu recht; harrharr.

Doch diese wunderschönen Worte stehen einfach da, im Raum, dick und fett und selbstgerecht, niemand kommt daran vorbei, auch ich nicht; also jetzt, tief Luft holen, und danach nie wieder. Erste Endgegner erledigt; neues Level, neue Fähigkeiten. Aber sag, woher die unterschwellige Abscheu? Nun, das Gemeinplatz-Dasein wohl, eigentlich das Fischen in einer trüben Suppe; möglicherweise die Befürchtung, einem ganzen Bündel zäher Klischees auf den Leim zu gehen, während ich mit dem Löffel den festgepappten Dreck vom Boden kratze.

Was sind sie also? Jedes für sich mächtiges Schlagwort, viel zitierte Unklarheit, Zeitgeist, Bild, Image, Glaube oder bloß Weltverständnis, Phantom, Parole, Feindbild, im Facettenreichtum schillernd, mit Bedeutungen überladen und doch nur eine leere Hülse. Letztlich unfassbar. Wieder: ein Label, für jeden was dabei.

Eines ist sicher: ich betrete ein allzu weites Feld, reichlich bestückt mit den schmerzhaften Fallgruben der Widersprüchlichkeit. Und wenn ich es mir recht überlege, dann beschreibe ich wohl nur Widersprüche. Doch halt: Intuitiv wie fälschlicherweise mag angenommen werden, von grundverschiedenen, ja gar von gegensätzlichen Dingen zu sprechen; die Entfernung zwischen Achtundsechzig und Neoliberalismus scheint größer nicht sein zu können, doch es ist, so dünkt mir, ein großer Irrglaube. Frei nach dem Motto: Werden die Unterschiede immer größer, stoßen sie schlussendlich mit dem Rücken aneinander. Schwammig, im Sinne von feucht, aufgedunsen, porös, gammlig, am Ende breiig, einerlei Scheiß. Wir haben es nicht einfach mit Grundverschiedenheiten zu tun, sondern, ich sag mal, mit zwei ungleichen Geschwistern. Oder mit Parasiten, haha. Kurz: Widersprüchlichkeiten anderer Couleur also; mal sehn. (…)


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Freunde & Zwischenzustände 8

Ich habe mit den Jahren etwas Entscheidendes gelernt: Freundschaft wird völlig überschätzt. Im Wesentlichen geht es darum, seine eigene Unzulänglichkeit besser ertragen zu können, indem man sich recht wahllos einen weiteren Idioten zur Hand nimmt, der im besten Fall die gleichen Interessen und Ansichten vertritt und einem das wohlige Gefühl normalisierender Akzeptanz vermittelt. Ganz im Sinne des geteilten Leides, versteht sich. Die meisten Freundschaften zerbrechen an profanen Dingen, die wenigen lebenslangen Freundschaften erschöpfen sich nach einer gewissen Zeit in der rituellen Wiederholung des Immergleichen. Warum gilt das Schweigen unter guten Freunden als ein Akt höchster Intimität? Wohl weil es die letzte mögliche Rechtfertigung dafür ist, dass man sich nichts mehr zu sagen hat.

Vielleicht nimmt das Bedürfnis nach Freundschaft deshalb im Alter ab, weil die Lebensweisheit einem gelehrt hat, dass einem gegen die eigene Idiotie niemand helfen kann, dass am Ende nichts weiter bleibt als sich selbst zu ertragen. Wer die eigene Belanglosigkeit erkennt, wird sie auch bei allen anderen vermuten, und wer sie schon bei sich selbst unerträglich findet, wird sicherlich nicht bei seinen Freunden beide Augen zudrücken. Freundschaft ist nur etwas für Dummköpfe, für Menschen mit einer verzerrter Selbstwahrnehmung.

Natürlich hat Freundschaft noch eine andere, nicht weniger entscheidende wie ernüchternde Dimension. Sie dient, allgemein gesprochen, der persönlichen Vorteilnahme. Es ist also kein Wunder, dass in einer kapitalistischen Gesellschaft ein großer Freundeskreis als Statussymbol gilt, es suggeriert nicht nur Normalität und Begehrtheit, sondern auch potenzielle Mehrwertschöpfung. So ist die Freundschaft, wie wir sie kennen, ein nahezu albernes Konstrukt der modernen Gesellschaft, es gibt sie eigentlich gar nicht, sie ist eine stilisierte, möglicherweise eine zutiefst männliche Utopie, eine verzweifelte Idealisierung dessen, was man am ehesten mit dem schönen Wort Interessengemeinschaft umschreibt. Das Gefasel über wahre Freundschaft ist genau genommen nichts weiter als ein wahnsinniges Ablenkungsmanöver, das Bedeutung in etwas legt, das bei näherem Betrachten rein zweckorientiert ist und jedem tieferen Sinn entbehrt.

Was also will er von mir? Ich kann sie nicht mehr ertragen, die weisen Worte eines Narren, die dummen Phrasen eines kritischen Geistes alter Schule, der die letzte Lektion verpasst hat. Kritik bedeutet Selbstkritik, mein Lieber, das Erkennen der Unzulänglichkeit anderer und allgemein der gesamten Welt hat keinen Wert, wenn man sich selbst nicht erkennt. Und Selbsterkenntnis heißt Ertragen eigener Dummheit, Einsamkeit ist die notwendige Konsequenz daraus. Obwohl, das stimmt nicht ganz, die andere Möglichkeit ist wohl eine plumpe, hedonistische Lebenseinstellung, das ist nicht die Akzeptanz, sondern das Feiern seiner Dummheit. Das ist dann wohl die dumme Dummheit, sie ist aber bei weitem noch klüger als die unerkannte, die schlummernde Dummheit eines Manfred.